Historisches

Leut­kirch, al­ter Kirch- und Ge­richts­ort des Ni­bel­g­aus, 766 erst­mals er­wähnt, kam von den Udal­ri­chin­gern durch Er­be an die Gra­fen von Bre­genz und dann an die Gra­fen von Mont­fort. Un­ter die­sen ent­stand zwi­schen den Or­ten Uf­hofen und Mit­tel­hofen ei­ne Markt­sied­lung. Na­men­ge­bend war die Leu­te­kir­che St. Mar­tin, die Haupt­kir­che des Ni­bel­g­aus, die bis heu­te das Stadt­wap­pen ziert. Der Ort wur­de zu­sam­men mit der Graf­schaft Zeil 1291 an das Reich ver­kauft. Zwei Jah­re spä­ter ver­lieh Kö­nig Adolf von Nas­sau Leut­kirch die Rech­te der Stadt Lin­dau.

Zum Haupt­ge­wer­be ent­wi­ckel­ten sich die Lein­wand­we­be­rei und der Lein­wand­han­del. Um 1500 zähl­te man über 200 We­ber in der Stadt. Sie lie­fer­ten ih­re Er­zeug­nis­se be­güns­tigt durch die gu­ten Ver­kehrs­an­bin­dun­gen bis nach Ita­li­en und Spa­ni­en. Auch nach dem Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg spiel­te die We­be­rei noch ei­ne Rol­le. 1760 wur­de so­gar ei­ne Baum­woll­we­be­rei er­öff­net. Ne­ben der We­ber­zunft gab es drei wei­te­re Zünf­te: die der Bä­cker, der Metz­ger und der Bau­ern. Al­le an­de­ren Hand­wer­ker muss­ten sich die­sen Zünf­ten an­schlie­ßen. Die Zünf­te wa­ren seit dem 14. Jahr­hun­dert im Stadt­re­gi­ment be­stim­mend, da es in der Stadt Leut­kirch nur we­ni­ge vor­neh­me Fa­mi­li­en und kein Pa­tri­zi­at gab. Leut­kirch be­tei­lig­te sich an den Land­frie­dens- und Städ­te­bün­den des 14. und 15. Jahr­hun­derts, wur­de 1488 Mit­glied des Schwä­bi­schen Bun­des und er­lang­te Sitz und Stim­me auf dem Reichs­tag und beim Schwä­bi­schen Kreis.

1546 wur­de die Re­for­ma­ti­on ein­ge­führt. Ein 1562 zwi­schen dem Abt von Wein­gar­ten als Pa­tro­nats­herr der Pfarr­kir­che und der Reichs­stadt ab­ge­schlos­se­ner, spä­ter mehr­fach er­neu­er­ter Ver­trag ga­ran­tier­te die Rech­te der ka­tho­li­schen Min­der­heit. Die Kir­che St. Mar­tin blieb Pfarr­kir­che für die ka­tho­li­schen Land­or­te der Land­vog­tei, die nach Leut­kirch ein­ge­pfarrt wa­ren. Den evan­ge­li­schen Bür­gern dien­te zu­nächst die Spi­tal­kir­che als Got­tes­dienst­raum. Von 1613 bis 1615 wur­de die Kir­che zur Hei­li­gen Drei­fal­tig­keit als Pre­digtsaal­kir­che oh­ne Chor ge­baut, der ers­te pro­tes­tan­ti­sche Kir­chen­neu­bau im würt­tem­ber­gi­schen All­gäu. Erst seit En­de des 19. Jahr­hun­derts gibt es in Leut­kirch wie­der ei­ne ka­tho­li­sche Mehr­heit.

Stadtansicht von Merian 1643

Die zwei­te Hälf­te des 17. Jahr­hun­derts war ge­prägt von den Fol­gen des Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ges und der Pest. Zahl­rei­che Häu­ser wa­ren zer­stört und nie­der­ge­brannt, die Zahl der Bür­ger von 450 auf 184 ge­sun­ken. Die wich­tigs­te Ein­nah­me­quel­le, der Lein­wand­han­del, war stark zu­rück­ge­gan­gen, die Stadt er­heb­lich ver­schul­det. An­fang des 18. Jahr­hun­derts führ­ten zahl­rei­che Krie­ge zur wei­te­ren Ver­schul­dung der Stadt. Und den­noch ent­stand ge­ra­de in die­sen schwie­ri­gen Zei­ten 1740 das schöns­te Haus der Stadt: das neue Rat­haus. Die Stuck­de­cke von Jo­hann Schütz im his­to­ri­schen Sit­zungs­saal zählt heu­te zu den Haupt­se­hens­wür­dig­kei­ten der Stadt.

1803 wur­de Leut­kirch me­dia­ti­siert und fiel an Bay­ern. Wäh­rend der bay­ri­schen Zeit war Leut­kirch Sta­ti­on der Salz­stra­ße in die Schweiz. Die Ver­le­gung die­ser Stra­ße 1810 ins bay­risch ge­blie­be­ne All­gäu über Kemp­ten nach Lin­dau traf die Stadt schmerz­lich. Zur För­de­rung des noch üb­rig­ge­blie­be­nen Durch­gangs­ver­kehrs ließ man 1812 so­gar bei­de Stadt­to­re ab­rei­ßen.

Seit 1810 bil­de­te die Stadt das Zen­trum des würt­tem­ber­gi­schen Ober­amts Leut­kirch. Der Ober­amts­be­zirk um­fass­te das Ge­biet von Kirch­dorf bis Wal­ters­ho­fen und von Wurz­ach bis Win­ter­stet­ten. Leut­kirch er­leb­te in die­ser Zeit als Ver­wal­tungs- und Wirt­schafts­zen­trum ei­nen be­trächt­li­chen Auf­schwung.

In der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts er­folg­te der An­schluss an das Ei­sen­bahn­netz: 1872 wur­de die Stre­cke Ki­ß­legg - Leut­kirch und da­mit der An­schluss nach Au­len­dorf fer­tig­ge­stellt, 1874 wur­de die Bahn­li­nie Leut­kirch - Is­ny und 1889 die Stre­cke Leut­kirch - Mem­min­gen er­öff­net.

Bahnhof Leutkirch um 1912

Als 1938 Wan­gen und nicht das zen­tral ge­le­ge­ne Leut­kirch Kreis­stadt des neu­en All­gäu­krei­ses wur­de, war die Ent­täu­schung groß. Öf­fent­li­che Re­ak­tio­nen gab es in die­ser Zeit je­doch nicht, erst in den 1950er Jah­ren wur­de die­se Ent­schei­dung An­lass hef­ti­ger Dis­kus­sio­nen.

Im Zu­ge der Ver­wal­tungs­re­form schlos­sen sich 1972 die Ge­mein­den Die­polds­ho­fen, Frie­sen­ho­fen, Ge­braz­hofen, Her­laz­hofen, Hofs, Rei­chen­ho­fen, Win­ter­stet­ten und Wuch­zen­ho­fen mit der Stadt Leut­kirch zu­sam­men. Das würt­tem­ber­gi­sche All­gäu kam zum Kreis Ra­vens­burg. Leut­kirch, seit 1974 Gro­ße Kreis­stadt, ist heu­te mit 175 Qua­drat­ki­lo­me­tern flä­chen­mä­ßig ei­ne der grö­ß­ten Ge­mein­den Ba­den-Würt­tem­bergs.