Stadtgeschichte

Vor 1250 Jahren wurde Leutkirch erstmals urkundlich erwähnt

Die Stadt Leutkirch im Allgäu feiert im Jahr 2016 ihre erste urkundliche Erwähnung vor 1250 Jahren. 766 wurde sie in einer Urkunde des Klosters St. Gallen erstmals erwähnt.

Urkunde aus dem Jahr 766 (Stiftsarchiv St. Gallen Urkunde Bremen 11))
















In der Urkunde vom 7. Juni 766 anerkennen und erneuern Liutulf, Merolf, Zaizzo und Piscolf die von ihrem Vater Marulf an das Kloster St. Gallen gemachte Übertragung von Besitz in der Mark Nibelgau und erhalten diesen gegen Zins zurück. Ausgestellt wurde die Urkunde in „Nibalgauia villa publica“, dem Gerichtsort des Nibelgaus. Von Leutkirch ist in der Urkunde nicht explizit die Rede, es ist jedoch nachgewiesen, dass es sich hierbei um Leutkirch handelt. Leutkirch bildete damals den administrativen und kirchlichen Mittelpunkt des Nibelgaus.

"Obertor" um 1632. Der Name „Nibelgau“ wird in karolingischer Zeit (8./9. Jahrhundert) zur Kennzeichnung einer Landschaft und einer Siedlung verwendet. Der Nibelgau erstreckte sich über das ganze südliche Gebiet des ehemaligen Oberamts Leutkirch und Teile der früheren Oberämter Wangen, Ravensburg und Waldsee sowie über bayrische Gebiete links der Iller. Nördlich verlief die Grenze des Nibelgaus bei Aitrach und Bad Wurzach, im Westen entlang des Altdorfer Waldes, im Süden von der oberen Argen nach Martinszell an der Iller und im Osten entlang der Iller. Seinen Namen hatte er vom Fluss Nibel, der heutigen Eschach.

In den folgenden Jahren wird Leutkirch in den Urkunden des Klosters St. Gallen wiederholt genannt, so beispielsweise 788 als „in ipsa ecclesia nibelgauia“ (in der Nibelgau-Kirche selbst), 827 „in Nibalgauwe ad Chirichun“ (im Nibelgau bei der Kirche), 843 „ad Liutchirichun“ (bei Leutkirch) und 860 „uf Hovon ad publicam ecclesiam“(Ufhofen bei der öffentlichen Kirche).

"Nannenbacher Tor" um 1632. Leutkirch, dieser alte Kirch- und Gerichtsort des Nibelgaus, kam dann von dem Adelsgeschlecht der Udalrichinger durch Erbe an die Grafen von Bregenz und danach an die Grafen von Montfort. Unter diesen entstand zwischen den Orten Ufhofen und Mittelhofen eine Marktsiedlung. Namengebend war die Leutekirche St. Martin, die Hauptkirche des Nibelgaus, die bis heute das Stadtwappen ziert. Der Ort wurde zusammen mit der Grafschaft Zeil 1291 an das Reich verkauft. Zwei Jahre später verlieh König Adolf von Nassau Leutkirch die Rechte der Stadt Lindau.

Zum Hauptgewerbe entwickelten sich Leinwandweberei und Leinwandhandel. Um 1500 zählte man über 200 Weber in der Stadt. Sie lieferten ihre Erzeugnisse, begünstigt durch die guten Verkehrsanbindungen, bis nach Italien und Spanien. Auch nach dem Dreißigjährigen Krieg spielte die Weberei noch eine Rolle. 1760 wurde sogar eine Baumwollweberei eröffnet. Neben der Weberzunft gab es drei weitere Zünfte: die der Bäcker, der Metzger und der Bauern. Alle anderen Handwerker mussten sich diesen Zünften anschließen. Die Zünfte waren seit dem 14. Jahrhundert im Stadtregiment bestimmend, da es in der Stadt Leutkirch nur wenige bedeutende Familien und kein Patriziat gab. Leutkirch beteiligte sich an den Landfriedens- und Städtebünden des 14. und 15. Jahrhunderts, wurde 1488 Mitglied des Schwäbischen Bundes und erlangte Sitz und Stimme auf dem Reichstag und beim Schwäbischen Kreis. 1546 wurde die Reformation eingeführt. Ein 1562 zwischen dem Abt von Weingarten als Patronatsherr der Pfarrkirche und der Reichsstadt abgeschlossener, später mehrfach erneuerter Vertrag garantierte die Rechte der katholischen Minderheit. Die Kirche St. Martin blieb Pfarrkirche für die katholischen Landorte der Landvogtei, die nach Leutkirch eingepfarrt waren. Den evangelischen Bürgern diente zunächst die Spitalkirche als Gottesdienstraum. Von 1613 bis 1615 wurde die Kirche zur Heiligen Dreifaltigkeit als Predigtsaalkirche ohne Chor gebaut, der erste protestantische Kirchenneubau im württembergischen Allgäu. Erst seit Ende des 19. Jahrhunderts gibt es in Leutkirch wieder eine katholische Mehrheit.Leutkirch Gesamtansicht. Stich von Matthäus Merian aus dem Jahr 1643.

Die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts war geprägt von den Folgen des Dreißigjährigen Krieges und der Pest. Zahlreiche Häuser waren zerstört und niedergebrannt, die Zahl der Bürger von 450 auf 184 gesunken. Die wichtigste Einnahmequelle, der Leinwandhandel, war stark zurückgegangen, die Stadt erheblich verschuldet. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts trugen weitere Kriege wie der Spanische und Österreichische Erbfolgekrieg durch Einquartierungen und Kontributionen zur Verschuldung Leutkirchs bei. Und dennoch entstand gerade in diesen schwierigen Zeiten 1740 das schönste Haus der Stadt: das neue Rathaus. Die Stuckdecke von Johann Schütz  im historischen Sitzungssaal zählt heute zu den Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt.

Ansicht Rathaus um 1900. 1803 wurde Leutkirch mediatisiert und fiel an Bayern. Während der bayrischen Zeit war Leutkirch Station der Salzstraße in die Schweiz. Die Verlegung dieser Straße 1810 ins bayrisch gebliebene Allgäu über Kempten nach Lindau traf die Stadt schmerzlich. Zur Förderung des noch übriggebliebenen Durchgangsverkehrs ließ man 1812 sogar beide Stadttore abreißen.

Seit 1810 bildete die Stadt das Zentrum des württembergischen Oberamts Leutkirch. Der Oberamtsbezirk umfasste das Gebiet von Kirchdorf bis Waltershofen und von Wurzach bis Winterstetten. Leutkirch erlebte in dieser Zeit als Blick auf Bahnhof und Stadt um 1912. Verwaltungs- und Wirtschaftszentrum einen beträchtlichen Aufschwung. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfolgte der Anschluss an das Eisenbahnnetz: 1872 wurde die Strecke Kißlegg - Leutkirch und damit der Anschluss nach Aulendorf fertiggestellt, 1874 wurde die Bahnlinie Leutkirch - Isny und 1889 die Strecke Leutkirch - Memmingen eröffnet. Aber erst die Zeit zwischen den Weltkriegen brachte durch die Errichtung mehrerer kleiner Fabriken einen bescheidenen industriellen Anfang.

Als 1938 Wangen und nicht Leutkirch Kreisstadt des neuen Allgäukreises wurde, war die Enttäuschung groß. Öffentliche Reaktionen gab es in der NS-Zeit jedoch nicht, erst in den 1950er Jahren wurde diese Entscheidung Anlass heftiger Diskussionen.

Plakat des Leutkircher Verschönerungsvereins von 1899. Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Zahl der Einwohner durch den Zuzug von Heimatvertriebenen beträchtlich an. Zählte Leutkirch 1933 noch 4510 Einwohner, waren es 1950 bereits 6172 und zehn Jahre später 7366. Größte Aufgabe der Stadt war in dieser Zeit die Schaffung von Wohnraum und Arbeitsplätzen.  Vor allem durch die Erweiterung der bestehenden und die Ansiedlung neuer Betriebe wurde ein Anstieg der Beschäftigtenzahlen erreicht.

Im Zuge der Verwaltungsreform schlossen sich 1972 die Gemeinden Diepoldshofen, Friesenhofen, Gebrazhofen, Herlazhofen, Hofs, Reichenhofen, Winterstetten und Wuchzenhofen mit der Stadt Leutkirch zusammen. Der Anschluss der acht benachbarten Gemeinden vollzog sich ohne nennenswerte Schwierigkeiten. Leutkirch war für sie der natürliche Zentralort.

Das württembergische Allgäu kam zum Kreis Ravensburg. Leutkirch, seit 1974 Große Kreisstadt, ist heute mit 175 Quadratkilometer flächenmäßig eine der größten Gemeinden Baden-Württembergs. In diesem Gebiet leben derzeit etwa 23000 Menschen.